Bildung als Entwicklungsmotor
Dass Bildung ein maßgeblicher Entwicklungsmotor ist oder der „Schlüssel zur Entwicklung", wie es von Frauen aus Ghana formuliert wurde, haben sieben Frauen aus Deutschland hautnah erlebt, die im Oktober 2008 zur Frauenkonsultation nach Ghana und Togo gereist sind. Andrea Schrimm-Heins von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg berichtet.
Alle drei bis vier Jahre findet eine Frauenbegegnung mit Frauen der deutschen, ghanaischen und togoischen Mitgliedskirchen der Norddeutschen Mission statt. Dieses Jahr reiste eine siebenköpfige Frauendelegation nach Ghana und Togo, wo sie sich zwei Wochen lang mit dem Thema „Ausbildung von Mädchen und Frauen: der Schlüssel zur Entwicklung" beschäftigte. Zu diesem Thema trafen sich die deutschen Frauen mit Delegierten der ghanaischen und togoischen Mitgliedskirchen zu einer dreitägigen Tagung in Ho (Ghana).
In den Referaten und Diskussionen wurde deutlich, dass in Ghana und Togo Mädchenbildung immer weniger selbstverständlich ist, je älter die Mädchen werden. In den Grundschulen noch nahezu paritätisch besetzt, finden sich in den höheren Schulen weniger Mädchen und nur ein sehr geringer Frauenanteil an den Universitäten. Das Bewusstsein, dass vor dem Hintergrund des zweiten und dritten Milleniums-Entwicklungsziels der UNO Mädchen- und Frauenbildung der wichtigste Schlüssel zur Veränderung der Gesellschaft ist, vereint die Frauen in Togo und Ghana. Das zweite Milleniumsziel lautet: „Verwirklichung der allgemeinen Primärschulbildung: Alle Jungen und Mädchen sollen eine vollständige Grundschulausbildung erhalten." Das dritte Ziel: „Förderung der Gleichheit der Geschlechter und Ermächtigung der Frauen: In der Grund- und Mittelschulausbildung soll bis zum Jahr 2005 und auf allen Ausbildungsstufen bis zum Jahr 2015 jede unterschiedliche Behandlung der Geschlechter beseitigt werden."
"Empowerment"
Immer wieder fiel auf der Tagung das Stichwort „empowerment". Immer wieder wurde angemahnt, wie wichtig die Rolle der Kirche bei der Bewusstseinsveränderung ihrer Mitglieder ist, dass es die Aufgabe der Kirche ist, deutlich zu machen, dass Mädchen das gleiche Anrecht auf Bildung haben wie Jungen. Viele der anwesenden Frauen berichteten, dass sie außer ihren eigenen Kindern auch einem oder zwei fremden Mädchen eine Schulbildung ermöglichen. Dies führte in der am Ende der Tagung als Zusammenfassung der Ergebnisse verfassten Resolution zur Forderung an alle gebildeten evangelischen Frauen, sich für die Ausbildung von mindestens einem Mädchen verantwortlich zu fühlen.
Ganz besonders viel Raum nahm die Sorge um Teenager-Mütter ein oder andere „school drop outs", die ihre Ausbildung abgebrochen haben. Ihnen einen späteren Wiedereinstieg zu ermöglichen, gilt als eine der vordringlichsten Aufgaben. Überhaupt sollen Frauen andere Frauen ermutigen, ihre Ausbildung bis zum höchstmöglichen Level weiterzuverfolgen.
Alphabetisierungskampagnen
Außerdem wurde der Wunsch nach Alphabetisierungskampagnen innerhalb der Kirche laut. Als ganz wichtig wurde betrachtet, dass die in Ghana und Togo bestehende Schulpflicht tatsächlich umgesetzt und auch kontrolliert wird. Pfarrerinnen und Pfarrer, Katechetinnen und Katecheten sollen in ihren täglichen Predigten darüber aufklären, wie wichtig es ist, Kinder – und natürlich auch die Mädchen – zur Schule zu schicken. Sie sollen auch dafür Sorge tragen, dass jedes Kind zur Schule geht. Die Gemeindeglieder sollen aufgefordert werden, Eltern zu melden, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken. An die Regierung wird der Wunsch gerichtet, einen Stipendienfond einzurichten, um bedürftigen Kindern, vor allem Mädchen, ein Darlehen zu gewähren. Dabei soll darauf geachtet werden, dass nicht nur Mädchen aus dem städtischen Raum davon profitieren, sondern auch die aus den ländlichen Regionen, die häufig von Bildungskampagnen nicht erreicht werden. Alle diese Forderungen sind Bestandteil der Resolution, um deren Formulierung am Ende der Tagung gerungen wurde. Sie dient als Grundlage für das Weiterarbeiten am Thema in den jeweiligen Kirchen und Frauenarbeitsbezügen.
Projekte
In beiden Ländern stand neben der Tagung der Besuch von kirchlichen Projekten auf dem Programm, die die Kompetenzen von Frauen und Mädchen erweitern sollen. Als einen Programmhöhepunkt erlebten wir eine eintägige Fortbildungsveranstaltung für die Frauen der Evangelischen Kirche in Togo (EEPT). Angekündigt auf unserem Programm war eine „Vorführung handwerklicher Aktivitäten von Frauen". In Wirklichkeit war es jedoch ein riesiger Fortbildungsworkshop für Frauen aus den verschiedenen Frauengruppen der EEPT. Frauen aus unterschiedlichen Gruppen stellten den anderen Teilnehmerinnen vor, was sie in ihren jeweiligen Frauengruppen produzieren, um etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen zu können. Die zuschauenden Frauen notierten sich genau die Rezepturen und Herstellungsweisen der jeweiligen Produkte, so dass die Frauen einerseits als Lehrende und andererseits als Lernende an der Veranstaltung teilnahmen.
Hergestellt wurde von einer Gruppe Zonko, ein Festgetränk für Hochzeiten und Beerdigungen und andere Feierlichkeiten aus Getreide, Ingwer, Zucker und anderen Gewürzen. Als nächstes konnten wir die Entstehung von Batikstoffen verfolgen. Immer, wenn irgendetwas einwirken musste, wanderten alle zur nächsten Station und von dort aus später wieder zurück. So entstand vor aller Augen auch ganz aufwändig ein Ananassirup. Danach wurde Flüssigseife hergestellt und schließlich auch noch Handcreme. Außerdem wurden Spießchen aus Soja frittiert und gegrillt. Wir waren fasziniert von dem Eifer, mit dem die Frauen ihre Tätigkeiten vorgeführt haben, aber auch von dem riesigen Interesse der anderen Frauen, das neu erworbene Wissen festzuhalten und für sich selbst fruchtbar zu machen.
Mikrokredite
In Ghana lernten wir das Kleinkredit-Programm der ghanaischen Kirche kennen. Besonders Frauen profitieren von dieser Möglichkeit der Anschubfinanzierung. Die Rückzahlungsquote ist unter den Kreditnehmerinnen enorm hoch. Einige der Anwesenden stellten uns vor, wofür sie den Kredit verwendet haben. Im Anschluss besuchten wir einzelne Selbständige, die durch Mikrokredite ihr Geschäft finanziert haben, z.B. einen kleinen Baustoffhandel, einen Verkaufsstand mit Schuhen oder eine Friseurin, die von dem Kredit eine Saftpresse zur Fruchtsaftproduktion erstanden hat, um einen Zusatzverdienst in ihrem Laden zu schaffen.
Unter anderem stand auch der Besuch der Universität der E.P.Church in Ho auf dem Programm. Wir waren (angesichts der niedrigen Durchschnittslöhne) sehr erstaunt über die Höhe der Studiengebühren von ca. 1200 Dollar im Jahr. Dadurch wurde noch einmal plastisch deutlich, wie wichtig die Forderung nach Studiendarlehen und Stipendien ist, die auch auf der Konsultationstagung formuliert wurde.
Frauensolidarität
Überwältigend war die Gastfreundschaft der Kirchen in Togo und Ghana. Die verantwortlichen Frauen Bertille Maditoma in Togo und Roberta Togoe-Torsu und Bridget Ben-Naimah in Ghana haben sich rund um die Uhr intensiv um uns gekümmert und ein tolles Programm vorbereitet. Ihnen gebührt ganz herzlicher Dank. Die Begegnungen haben uns gegenseitig bereichert. Beeindruckt hat mich vor allem die Offenheit der togoischen und ghanaischen Frauen, ihr Selbstbewusstsein, die Überzeugung, dass sie in ihrer Kirche etwas bewegen können und dass es sich lohnt zu kämpfen. „Let´s clap ourselves" (wir wollen uns Applaus spenden) war während der Konsultation immer wieder zu hören. Frauen unterstützen sich gegenseitig und loben sich auch gegenseitig für ihr Tun. Frauensolidarität wird nicht nur gefordert, sondern auch gelebt.
Andrea Schrimm-Heins
Die Dokumentation über die Frauenkonsultation 2008 können Sie gegen einen Kostenbeitrag von EUR 5,- bei der Norddeutschen Mission
bestellen.