„Wir sind zu Brüdern geworden" Das Programm „Sichtwechsel"

Das vom Evangelischen Entwicklungsdienst (eed) unterstützte Austauschprogramm „Sichtwechsel" der Norddeutschen Mission ist jetzt in seiner zweiten Runde. Pastoren aus Deutschland, Ghana und Togo besuchen sich gegenseitig für einen Zeitraum von vier Wochen. Sie teilen Alltag und Dienst, erfahren Gemeindeleben, besuchen Gruppen und Gremien, beteiligen sich am Predigtdienst und Konfirmandenunterricht und entdecken das gesellschaftliche Umfeld ihrer gastgebenden Gemeinde.

In Deutschland wie in Afrika fragen sie danach, wie Pastoren und Gemeinden in ihren ganz unterschiedlichen Lebenswelten von Gott reden, also missionieren und Verantwortung für Kirche und Gesellschaft wahrnehmen. Nachdem drei deutsche Theologen im Frühjahr 2009 nach Ghana und Togo reisten, haben sie im September 2009 Besuch von ihren Kollegen bekommen. Im Oktober diesen Jahres ist eine weitere Gruppe aus Deutschland nach Ghana gereist. Ihren Gegenbesuch erwartet sie im Mai 2010.

Auf meiner Reise anlässlich der Theologischen Konsultation hatte ich die Gelegenheit, sowohl die vier deutschen Pastoren als auch ihre gastgebenden Kollegen in Ghana zu treffen. Um es gleich vorweg zu sagen: Alle waren begeistert von den vielfältigen Erfahrungen und den zahlreichen und herzlichen Begegnungen. Übrigens deckt sich dies auch mit der Auswertung der afrikanischen Pastoren in Deutschland: Das Zusammenleben in Familien, die Gelegenheit, am Alltag der ganzen Familie teilzunehmen und das offene und freundliche Interesse am weitgereisten Bruder oder der Schwester haben das Ankommen und Zu Hause fühlen offensichtlich für alle Beteiligten erleichtert. „Wir sind Brüder geworden", fasst Pastor Jonas Kumi-Agbodsa die Begegnung mit seinem deutschen Kollegen Rüdiger Möllenberg zusammen.

In beide Richtungen waren die Erfahrungen sehr vielschichtig: Erwartetes wurde bestätigt, Neues entdeckt, Ähnliches und Vergleichbares wurde ebenso betont wie die auch erheblichen Unterschiede. Jeder von den Teilnehmern hat seine Geschichte zu erzählen. Ich möchte nur einige wenige Dinge herausstreichen.

Die erwartete Beobachtung von Armut in Ghana und Togo erfuhr ein ganz anderes Bild durch die ebenfalls beobachtete große Energie und Kompetenz, mit der Menschen täglich für ihr Leben arbeiten. Unerwartet war die besondere Armut alter Menschen im dörflich-ländlichen Milieu, in Peki zum Beispiel. Witwen und Witwer, die nicht mehr zum Erwerb der Familie betragen können, sind häufig auf sich allein gestellt, da auch die weitere Familie – viele sind schon vom Land in die großen Städte gezogen – sich nicht um sie kümmert. So kommt zur Armut die Vereinsamung. Direkt gegenüber der Kirche hat die „Shepherd’s group for Aged Peoples" eine Tagesstätte gegründet, in dem Senioren Gemeinschaft, Beratung und Gesundheitsfürsorge erfahren. Hier bringen sie auch ihre eigenen Kompetenzen, ihre Zeit und Erfahrung ein, um Produkte herzustellen und zu vermarkten. So unterschiedlich Armut im Alter sich in Afrika und Deutschland darstellt, so ähnlich sind die Herausforderungen (Auflösung der Großfamilie, Vereinsamung). Dass die Fähigkeiten alter Menschen in Afrika besonders gewürdigt und in diesem Projekt auch gewinnbringend eingesetzt werden, war eine neue Erfahrung.

Beeindruckend waren ebenfalls die Reformbemühungen der Kirchen, die sowohl im Süden als auch im Norden durch die immer drängender werdenden finanziellen Rahmenbedingungen verursacht werden. In Togo wie in Ghana merken die Gemeinden unmittelbar, wenn die Sonntagskollekten nicht ausreichen, um das Gehalt des Pastors zu bezahlen. Während in Deutschland das Schrumpfen der Kirche noch immer weitestgehend für unausweichlich gehalten werden, wird diese Option, sich auf das Machbare zu beschränken, in Afrika nicht ernsthaft gedacht. Auch wenn es anstrengend ist, immer wieder die gleichen Menschen für die Sache des Evangeliums zu gewinnen, so überwiegt eindeutig die im Glauben erfasste Verpflichtung, sich für die Kirche stark zu machen und ihre frohe Botschaft weiter zu sagen. In Afrika war es dabei bemerkenswert, zu beobachten, in welch hohem Maße die Gemeindearbeit von den Gemeindegliedern selbst getragen wird. Und auch hier wird versucht, den Dienst am Menschen und das Erwirtschaften finanzieller Mittel für die Arbeit der Kirche miteinander zu verbinden: Sei es durch eine professionelle Apotheke und einen Supermarkt in Ho oder ein Optikerfachgeschäft in Hohoe. Mut zu neuen Ufern scheint trotz der großen Probleme die Devise zu sein.

Die missionarische Entdeckung in Ghana und Togo bestand für die Teilnehmer darin, zu erfahren, wie selbstverständlich Gott in allen Situationen des Lebens gegenwärtig ist. In den Gemeinden wie in Familien, bei der Arbeit oder unter Freunden, immer wird Not und Freude, Trauer und Hoffnung in Verbindung mit Gott erfahren. Dass das Leben, ja, die Welt erfüllt ist vom Heiligen und der Gegenwart geistiger Kräfte ist selbstverständlich. „Einem Kind brauchst du nicht von Gott erzählen", sagt darum ein afrikanisches Sprichwort. Kann es möglich sein, diese Selbstverständlichkeit für die Kirchen in Deutschland zurück zu gewinnen, fragten sich die deutschen wie die afrikanischen Teilnehmer des Sichtwechsels. An diesen theologischen Fragen im Blick auf die Gemeindearbeit weiter zu arbeiten, war eine der Verabredungen der Sichtwechsler.

„Dieses Programm hat für uns allerhöchste Priorität", beschreiben die kirchenleitenden Theologen und Juristen, die an der Theologischen Konsultation in Peki teilgenommen haben, ihre Erwartungen für die zukünftige Arbeit der NM. Unsere afrikanischen Mitgliedskirchen, die sich als Träger von vielfältigen Programmen und Projekten am Aufbau des Landes beteiligen, können so eine starke Lobby bekommen. Und in Deutschland brauchen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Kirchen, die in der Lage sind, von und mit den fernen Schwestern und Brüdern zu lernen.

Hannes Menke